Mein Oktober als FÖJ-ler (Teil 1: Das erste Seminar)

Ich habe ja bereits einen Blogartikel über meinen ersten Tag an meiner Einsatzstelle erzählt. Heute hab ich mich dazu entschlossen, euch monatlich ein Update zu verpassen, was ich dieses Jahr alles so treibe.
Jeder machte ein Plakat ber seine Einsatzstelle
Eigentlich fing mein FÖJ-Jahr ja nicht mit Arbeit an sich, sondern mit einem Seminar an. Wir, die Gruppe Mitte, trafen uns hierfür in Kattenhochstadt, einem kleinen Dorf in der Nähe von Weißenburg. Neben diversen Kennenlernspielen, für die ich mich mit 24 (etwa sechs Jahre über dem FÖJ-Durchschnitt) etwas zu alt fühlte, blieb mir bei den unangenehmeren Aktivitäten noch im Gedächtnis, dass wir ein paar mehr oder weniger spirituelle Sitzungen hatten, z.B. eine Erdmeditation. Nach fast vier Jahren naturwissenschaftlichem Studium kann man mit sowas, zumindest in meinem Fall, einfach nicht mehr viel anfangen. Dass es nicht ganz ohne so etwas ablaufen würde, hatte ich aber auch erwartet, schließlich ist unser Träger, der EJB (Evangelischer Jugendbund), kirchlicher Natur. Passt also Zwinkerndes Smiley
Mehrheitlich war das 1. Seminar aber sehr angenehm. Das Essen war lecker und das nicht spielerische oder spirituelle Programm fand ich super. Eine Geologie-Studentin führte uns theoretisch wie praktisch in die Bodenkunde ein. Die erste Annäherung erfolgte direkt im Seminarhaus. Jeder hatte etwas Erde von seiner Einsatzstelle mitnehmen müssen und sollte dann mit destilliertem Wasser, einem pH-Streifen, Salzsäure und seinen eigenen Händen und Zähnen dessen Beschaffenheit untersuchen.
Mit dem Wasser befeuchteten wir eine Portion Erde an und prüften, ob sie sich zu einer Wurst formen ließ. Wenn das der Fall ist, bedeutet das, dass ein höherer Lehmgehalt vorliegt. Ob die Erde sandig ist, überprüften man wir, indem wir mal auf die Erde draufbissen. Wenn es in den Zähnen knackt und knirscht, ist Sand dabei.
Eine weitere Portion Erde lösten wir mit ein bisschen mehr destilliertem Wasser auf als beim ersten Mal und tauchten einen pH-Streifen hinein. Die meisten Böden lagen im basischen Bereich. Nur wenige, u.a. meiner waren eher sauer, bei pH 5.
In einem weiteren Test träufelten wir einige Tropfen verdünnte Salzsäure auf unseren Boden. Wenn es dann zu blubbern anfing, wussten wir, dass unser Boden recht kalkhaltig war.
Meinen Boden hatte ich von einer trockenen Stelle im Naturerlebnispfad, also aus dem Schönberger Forst. Wie eigentlich typisch in der Gegend um Nürnberg, war dieser Boden ziemlich lehmfrei (wobei wir im Wald dennoch mehrere sehr lehmige Stellen haben), dafür sandig, der Kalktest war negativ.
In der Nhe hab ich meine Erde geholt
Mehr Praxis gab es dann in Form einer Rally mit 5 Stationen an 5 verschiedenen Böden, wo wir die Tests von oben noch einmal durchführten und zwei weiteren: Wir checkten die Bodenhorizonte und machten einen Sickertest. Für den ersteren rammten wir einen Spaten viermal im Rechteck in den Boden und zeichneten auf, wieviele und was für Schichten wir zu sehen gedachten. Für den letzteren rammten wir wiederum eine große Dose ein gutes Stück in den Boden und gossen genau einen Liter Wasser hinein. Dann stoppten wir die Zeit, bis das Wasser versickert war. Je länger so etwas dauert, desto dichter ist der Boden. Der dichteste Boden auf der Rally war das auch wie erwartet ein Stück gut bewirtschaftetem Ackerboden.
Auf jeder Station notierten wir uns außerdem mit Bestimmungsbüchern bewaffnet den Bewuchs. Dabei ging ich meinen übrigen Gruppenmitglieder wohl zur Hälfte auf die Nerven und zur anderen Hälfte erschien ich ihnen als recht nützlich. Die meisten Pflanzen konnte ich sofort benennen (teils mit einem “Funfact” zur möglichen Verwendungszwecken), wenn aber nicht, gab ich nicht eher Ruh, bis ich herausgefunden hatte, was da vor mir stand.
Botanisch gesehen konnte ich auch bei weiteren Gelegenheiten dieser Woche nicht anders, als den Nerd rauszulassen. Sowohl beim Ausflug zum Landschaftspflegeverband bei Weißenburg als auch beim Besuch beim Biobauern rief ich jede Pflanze, nach deren Namen gefragt war und die ich auch kannte, aus. Rechtfertigend kann man aber sagen: Zum einen war ich wohl oft auch der einzige, der den Namen kannte und zum anderen freuten sich die jeweiligen Führer auch ganz doll, dass da wenigstens einer war, der die Pflanze noch kennt.
Fransen-Enzian
Diese beiden Ausflüge fand ich auch sehr interessant. Beim Landschaftspflegeverband sahen wir uns noch einmal die verschiedenen Horizonte bei verschiedenen Standorten an, so u.a. noch einmal einen Acker, einen Standort, der eher in Richtung Aue bis Sumpf ging und auch einen Kalktrockenrasen. Hier erfuhr ich auch, dass es in Deutschland vor 50 Jahren noch mindestens so viele Schafe wie heute Deutsche gab. Heute gibt es nurnoch wenige Millionen Schafe. Gegenden, die früher regelmäßig beweidet und gedüngt wurden, verwandeln sich daher immer mehr in Primärwald. Dadurch schrumpft natürlich der Lebensraum vieler schöner und/oder nützlicher Pflanzen, z.B. der des Enzians. Wir erfuhren, dass es in dieser Gegend, meiner Heimat, besonders viele verschiedene Arten Enzian gibt. In den Alpen, die man viel mehr mit dem Enzian in Verbindung bringt, gibt es im Vergleich dazu nur sehr wenige. Dies beeindruckte mich besonders, da ich noch am Wochenende davor bei mir zuhause an einer Stelle, wo regelmäßig Schafe weiden, einen Fransenenzian für mein Herbar eingesteckt hatte – zum späteren Bestimmen, da ich weder Fotoapparat noch Bestimmungsbuch dabei hatte. Mein Onkel erkannte die Pflanze als Enzian, meinte aber, das müsste ein ausgekommener Zier-Enzian sein. Tja, falsch Zwinkerndes Smiley
Bio-Babykatze
Außerdem besuchten wir wie gesagt einen Biobauern in der Nähe, der auch Ferien auf dem Bauernhof anbietet und einen kleinen Bauernladen betreibt. Auf seinem Hof erfreuten wir uns an den unglaublich zutraulichen Babykatzen und frisch geworfenen Ferkeln. Wir erfuhren, dass zumindest seine Legehühner hier ein sehr langes Leben hätten, da er sie, sobald sie nicht mehr allzu produktiv sind, nicht einfach schlachtet und zu Suppenhuhn verarbeitet. Dann zeigte er uns seine Felder. Auf einem davon hielt er einige Mutterkühe mit ihren Kälbern. Hierbei handelte es sich nicht um Milchvieh sondern eher um eine Zucht. Die Kälber oder alte Mutterkühe verkauft er hin und wieder auf dem Bauernmarkt zur Mästung oder Schlachtung. Zum Gras hinzu, dass diese wahren Freilandrinder auf der Weide finden, füttert er jeden Tag noch Heu.
Bio-Khe
BuchweizenEin Feld weiter zeigte er uns ein Feld mit einer Polykultur. Hauptsächlich baute er dort gerade Acker-Senf an. Auf dem Feld hatte er gerade eine Art Nematoden, die eine Kartoffelkrankheit auslösen. Der Acker-Senf gibt Stoffe in den Boden ab, die diese abtöten und damit das Feld nächstes Jahr wieder Kartoffeltauglich machen sollten.
Außerdem hatte er Buchweizen auf dem Feld, den er sich hin und wieder zum Eigenbedarf pflückt. Um den Nährstoffgehalt des Bodens zu verbessern, pflanzt er außerdem noch diverse Leguminosen/Schmetterlingsblüter wie Luzernen auf diesem Feld und auch wohlriechender Borretsch befand sich darauf. (Ich nahm mir von jeder Pflanze eine Probe für mein Herbar mit)Luzerne
Er erzählte uns außerdem, dass er nur mit einem kleinen Traktor übers Feld fährt, wenn er den alten Bewuchs als Dünger für den neuen durchpflügt. Lockerer Boden, der zusätzlich noch altes Pflanzenmaterial enthält, hält Wasser und somit auch Nährstoffe einfach besser. Zum Vergleich zeigte er uns ein Nachbarfeld, auf dem Kunstrasen angebaut wurde. Der Feldbesitzer führe dort immer mit einem Riesenteil von Traktor darüber, so dass der Boden mittlerweile ungefähr so dicht sei wie eine Asphaltstraße. Daher müsse er den Rasen viel Düngen und extra bewässern, denn Regen wird von Borretschdiesem Boden kaum aufgesaugt und schwemmt beim Abfließen die Nährstoffe vom Feld direkt wieder herunter.
Mit dem Maisfeld nebenan sähe es ähnlich aus. Bei diesem Thema angekommen, gab er ein Plädoyer gegen Genmais ab, dessen Pollen dann auf sein Bio-Feld fallen würden und seine Feldfrüchte (Mais baute er aber nie an) kontaminieren würden. Der Molekularbiologe in mir begann daraufhin eine Diskussion mit ihm, dass der in Europa verwandtenlose Mais auf sein Feld eigentlich garkeinen Einfluss ausüben könne. Die Diskussion wurde aus Zeitgründen abgewürgt, aber wir kamen überein, dass Mais nicht ganz so schlimm sei, manche anderen gentechnisch veränderten Nutzpflanzen, z.B. Kartoffeln, die nicht so verwandtenlos seien, aber dennoch bedenklich sein könnten.
Lange Rede kurzer Sinn: Das 1. Seminar hat mir insgesamt sehr gefallen und mir auch die ein oder andere neue Erkenntnis eingebracht. U.a. auch, dass es Menschen gibt, die durch zwei Hauswände und mehrere Meter Garten hindurch schnarchen können.

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