Tinschen in Fronkreisch – Teil 1

Am 31. August, nur fünfundfünzig Minuten nach offiziellem Reisebeginn setzten wir Segel mit Kurs auf Bailleron in der Bretagne. Der Weg durch Deutschland war lang und beschwerlich. Auf fast jeder Autobahn oder Bundesstraße war entweder Stau oder zähfließender Verkehr.
Die Vorhersage, wir würden um 15:00 Uhr Paris passieren, lag um mindestens zwei Stunden daneben. Um diese Zeit herum waren wir höchstens gerade so über die Grenze gefahren. Dort bemerkten wir recht schnell, dass die Franzosen uns in Sachen Spritpreise doch sehr ähneln.
Schon die erste angefahrene Raststätte verkaufte klar französische Waren, die Grenzlinie unserer beider Staaten scheint also sehr scharf gezogen zu sein.
An der Zulieferstraße der Raststätte entdeckten wir außerdem das Angebot vom Sauf Service. Leider konnten wir weder so etwas wie einen Stand oder ein Lokal finden. Vielleicht hatte der Sauf Service ja Samstag Ruhetag. Aber das war ja auch gut so, wir hatten ja nach circa fünf Stunden gerade einmal die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht.

Total aus dem Zusammenhang gerissenes Blumenbild zur Deko

Als weitere typisch französische Autobahnmerkmale fielen uns die entlang der Straßenränder angebrachte bunte Kunstobjekte auf, die in Regenbogenfarben, mal auf runden, mal auf eckigen Objekten angebracht, an uns vorbeiverschwammen. Allzu sehr verschwimmen konnten sie allerdings nicht, schließlich ist in Frankreich durchgehend ein Tempolimit von 130 km/h. Wahrscheinlich deswegen kamen wir in Frankreich ziemlich entspannt und insgesamt schneller vorwärts. Das könnte aber auch an den abschreckend hohen Mautgebühren liegen, die einen auf französischen Autobahnen erwarten. Schon am ersten Anreisetag kamen wir auf gute 60€ Mautgebühren. Da überlegt man sich doch noch einmal, ob das Wahlversprechen von Horst Seehofer, Maut für Ausländer einzuführen nicht doch eine gute Investition ist (aber immer noch: Nein!) und ob es nicht doch mal eine gute Idee wäre, auch in Deutschland ein Tempolimit einzuführen (aber Ja!). Wenn einem in Deutschland kurz vor einem großen Stau links mehrere Ferrari-artige Geschosse mit über 250 km/h um die Ohren sausen, wünscht man sich ohnehin ganz unfromm, dass wenigstens genau diese für den Stau verantwortlich sind.

Zurück nach Frankreich! Nachdem wir die Ausfahrtschilder sowohl von Disneyland als auch vom Asterix-Park passiert und den TGV uns überholen lassen hatten, passierten wir endlich Paris. Dieses kannte ich bisher nur bei Nacht aus den guten alten Zeiten, wo wir in einem Wisch von Deutschland nach Spanien zum Ferienhaus meines Onkels gefahren sind. Neben den doch sehr charakteristischen Bauten der Hauptstadt Frankreichs entdeckten wir sogar mit viel, viel Fantasie in der Ferne die Spitze des Eiffelturms – man hatte ihn sich doch etwas größer vorgestellt.

Hotel F1 Frankreich Chartres

Endlich tauchten die Schilder zu unserem ersten Zwischenziel Chartres auf und bald erreichten wir über gefühlte zehn Kreisverkehre die billigste Unterkunft weit und breit, ein “F1-Hotel”. Böse Zungen mit Irokesenschnitten ist es zu verdanken, dass wir für diese Reise doch 500€ hinlegen mussten. Diese behaupteten nämlich, diese “Hotels” wären das, was sie sich nennen und wir Studenten schwelgten auf derlei Exkursionen im Luxus. In Wirklichkeit handelt es sich bei F1-Hotels um maximal dreistöckige Styroporbauten, die einem für 30-35€ pro Tag Zweier- und Dreierzimmer anbieten. Diese sind tatsächlich ein bisschen hotelhaft. Man bekommt ein mit Jugendherbergen verglichen sauberes Bett mit frischen Laken, frische Handtücher und man hat einen Fernseher im Zimmer. Dafür sind diese Zimmer aber winzig und die spärlichen Toiletten und Duschen am Ende des Ganges sind eine Geschichte für sich – aber alles billiger als eine Jugendherberge wie gesagt. Wir haben im Verlauf der letzten Tage übrigens mehrere Bauarten an Toiletten kennenlernen dürfen:

Sie alle verfügen über automatische Erkennungssysteme, die über den Türverschluss Deine Anwesenheit registrieren. Sowie du die Toilette/die Dusche betrittst, geht ein Licht an und in einer Bauart wird auch sogleich gewöhnungsbedürftige Musik mit verstörenden Geräuschen abgespielt. Im Fall des Klos gibt es außerdem manchmal noch automatische Waschbecken mit Wasserhahn, Seife und Handfön. Diese funktionieren ähnlich wie die Raststättenwasserhähne, die man sonst kennt, mit einer Lichtschranke. Diese ist aber anscheinend nicht einzeln unter den jeweiligen Instrumenten angebracht sondern irgendwo in der Höhe Deines Knies, wenn Du auf dem Klo hockst – und diese Lichtschranke aktiviert zeitgleich alle drei Instrumente – wobei der Seifenspender höchstwahrscheinlich nur aggressiv brummt aber keine Seife ausgibt. Wenn die Registrierung über das Türschloss ausgeleiert ist, hat man es außerdem mit der Variante “vom Teufel besessene Toilette zu tun”. Normalerweise spülen F1-Toiletten automatisch noch einmal durch, wenn Du die Toilette wieder verlässt. Ist der Mechanismus allerdings ausgeleiert, wartet besonders großer Spaß auf Dich.

Du betrittst die Toilette. Die Toilette spült. Die Toilette spült und spült und spült und möcht gar nicht mehr aufhören. Also die Tür noch einmal auf und zu. Die Spülung speit unaufhaltsam weiter. Drückst du selbst nun auf den Spülknopf, hast du endlich den Zauber beendet. Du setzt dich auf den Sitz, nicht ohne vorher mit viiiiel Klopapier das ganze Wasser weggewischt zu haben, das der Dauerspülgang auf die Brille geschwemmt hat. Du beginnst dein Geschäft und das wohlige Gefühl der Entleerung fängt an, sich breit zu machen. Plötzlich geht das Licht aus und als ob das nicht reicht, gesellt sich die Spülung wieder hinzu und verpasst dir einen Vorgeschmack auf japanische Sitze mit Anusdusche. Panisch versuchst du so schnell wie möglich wieder, auf und zu zusperren, bevor jemand die Tür aufstößt. Mit etwas Glück kannst du daraufhin deinen Hintern mit viiiiiel Klopapier wieder trocknen und dem nächsten Pechvogel mit einem hämischen Grinsen den Platz auf deinem Thron anbieten.
Wenn die Toilette übrigens nicht gerade spült, verpasst sie dir mit einer viel zu übertriebene Belüftung eine durch Zugluft ausgelöste Blasenentzündung.

Notre dame de Chartres

Zu guter Letzt bieten F1-Hotels ihren Gästen noch ein Frühstück für um die 5€ an. Morgens fährt dann ein Rollo hoch und enthüllt ein winziges Regal mit einem Kännchen Kaffee für alle, nicht allzu großen Brötchen und drei Sorten in diese typischen Schächtelchen abgefüllten Aufstriche.

Aber wenn ich auch mal wieder auf Durchreise durch Frankreich bin, würde ich wieder in ein F1-Hotel gehen. Mit drei Leuten im Dreierzimmer zahle ich pro Tag für den Aufenthalt weniger als für meine Wohnung.

Ich bin vom Weg meiner Erzählung leicht abgekommen. Es bleibt nurnoch zu erwähnen, dass F1-Hotels anscheinend immer in der Nähe von einschlägig bekannten Fast-Food-Ketten erbaut werden, so dass man das überteuerte Frühstück durch ein anderes überteuertes Frühstück ersetzen kann – sofern man nicht wie wir vor acht Uhr weiterfahren muss und dann verlangt, dass jemand unter der Woche seinen Laden vor 9 Uhr öffnet. So “fou” sind wohl nur wir “Allemands”, dass wir für andere Leute früh aufstehen, damit die sich den Magen vollschlagen können.

Nach 12 Stunden Fahrt und 8 Stunden Schlaf machten wir uns schließlich auf, ein typisch französisches Frühstück in der Innenstadt statt dem Gewerbegebiet zu finden. Aber das ist eine andere Geschichte und soll in Teil 2 erzählt werden.

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