Helgoland Exkursion 2015, Erste Etappe: Wilhelmshaven (2)

23.3.15 Der Wecker klingelt um 4:45 Uhr

Jule hüpft wie eine aufgezogene Feder aus dem Bett und verschwindet im Bad. Bei mir ist es ähnlich, aber verzögert. Daher mümmel ich mich wieder ein.
Gegen 5:00 sind wir in der Küche und trinken mit Ferdi Tee bis die ersten Sonnenstrahlen sich blicken lassen. Da von der “Spezialkurs-Ornithologie”-Ganztagsexkursion immer noch jede Menge Dreck in meinen Schuhen ist, laufe ich mit einem Besen durchs Haus und kehre meine Spuren nach jedem Schritt sofort wieder auf – was man eben fünf Uhr morgens so tut.

Wilhelmshaven Niedrigwasser

Dann gehen wir los. Es ist gerade Niedrigwasser und so laufen wir auf dem Sand entlang – Schlickwatt kommt zum Glück viel weiter oben und das wäre nicht unbedingt von säubernder Wirkung für die Schuhe gewesen.

Sonnenaufgang in Wilhelmshaven

Wir beginnen unsere Artenliste. So weit am Meer findet man immer noch Amseln, Rabenkrähen, Ringeltauben, Stadttauben. Die Standardbesetzung macht auch ihre Aufwartung: Silbermöwe, Lachmöwe, Austernfischer.
Und wir sehen unsere erste Kegelrobbe:
Wilhelmshaven Kegelrobbe

Bald darauf kehren wir in die Senckenberg-Unterkunft zurück, wo schon Frühstück und der Rest der Mannschaft bereitsitzt. Ich bediene mich hauptsächlich an Dani’s grünen Kuchen, der immer noch ausgezeichnet schmeckt.

Danach ist Aufbruch zum Watternmeerhaus. Dort sollen wir wieder eine Führung mitmachen. Alles ist Roger, aber es geht auch Meinhard. Roger erklärt uns, dass man Ebbe oder Flut am besten so unterscheidet, dass man an der Wasseroberkante etwas oder sich selbst ins Watt steckt, und etwas wartet. Wenn das Wasser dann höher steht, ist Flut, steht es niedriger, ist Ebbe.

Dieses Mal machen wir das fortgeschrittene Programm für Oberschüler bis Studenten: Wir sammeln uns am Schlickwatt und formen Grüppchen. Meinhard zieht einen Kreis mit einer Forke. Dies wird unsere Probefläche 1. Zwei der Gruppen dürfen dann mit einem Zwei-Meter-Stab 1 m² Fläche abstecken.

Mit Meterstab und Chemtrails

Dann zählen wir auf der abgesteckten Oberfläche die Wattwurm-Kothaufen und die Kotpillen vom Kotpillenwurm (Heteromastus filiformis) und suchen nach lebendigen weiteren Wattbewohnern wie z.B. der Schnecke Littorina littorea. Dann machen wir uns über die mittlere Schicht her und suchen in einem Viertel der abgesteckten Fläche u.a. nach Herzmuscheln indem wir etwa 5 cm tief per Hand herumbuddeln. Schließlich wird noch eine Tiefprobe mit einem 10 cm – Durchmesser-Rohr gemacht, dass wir in den Boden stoßen. Die Bodensäule wird auf ein Sieb gegeben und dann im Wasser gespült. Am Ende hat man dann eine bestimmte Anzahl Wattwürmer und eventuell anderes Getier, die mit dem Faktor 127 auf die gesamte Probefläche heraufgerechnet wird. So kommt man bei einem Wattwurm auf 127 Würmer auf der Fläche und bei zwei Würmern schon auf 254 Stück – wie realistisch das ist, bleibt dahingestellt bis man die ganze Probefläche aufbaggert. Aber meistens kommt es wohl hin.

Das Problem ist das ganze Bewertungssystem namens AMBI (AZTI’s marine biotic index), in dem die Artenfunde mit einer Formel verrechnet werden. Es soll angeben, welche Qualität – von ungestört bis schwergestört – ein mariner Lebensraum hat. Dabei bekommen Sandwatte immer einen besseren Wert als Schlickwatte. Das ist aber deswegen noch lange nicht richtig, denn beide Lebensräume kommen menschenuabhängig vor und so ist eine menschliche Einteilung nach gut oder schlecht problematisch.

Auf jeden Fall bekommt schließlich jede Gruppe vom Kursleiter ein “ihr seid gestört” an den Kopf geworfen. Wie recht er damit hat, kann er sich gar nicht vorstellen Smiley mit geöffnetem Mund. BeispielNach dem Praxisteil folgt wieder Rogers Vortrag, den ich schon vor zwei Jahren gehört habe – was nicht heißt, dass er nicht wieder sehr interessant war. Aber statt alles zu wiederholen, verweise ich die Interessierten auf den damaligen Blogeintrag:
http://tinschenschreibt.blogspot.de/2013/04/exkursion-nach-wilhelmshaven-3-april.html

Nach dem Vortrag lassen sich alle mit dem Bus zurück zur Unterkunft chauffieren. Nur Jule und ich nicht. Wir gehen.
Und wir finden (von langweilig bis aufregend): Haus-Sperling, Ringeltaube, Kormoran, Haubentaucher und endlich wieder eine Horde Steinwälzer! Nur doof, dass die ganzen Steine am Wilhelmshavener Deich festbetoniert sind.

Zurück in der Unterkunft nach einer weiteren Kaffee-Kuchen-Runde, trifft sich ein psychotherapeutischer Sitzkreis und wir arbeiten auf, dass wir alle in unserer Vergangenheit biologisch traumatisiert wurden und daher das tiefe Verlangen haben, unser Trauma mit anderen zu teilen. Da der Großteil auf ein Lehramt studiert ist dies natürlich höchst bedenklich.

Zu Abend gibt es ausgezeichnete Spaghetti mit Bolognese- oder Gemüsesoße. Als eingefleischter Vegetarier nehme ich natürlich beides.

IMG_0006 Auster

Nach dem Abendessen widme ich mich wieder meine Küvette, die außer der Auster als Untergrund und der bereits erwähnten Hafenrose u.a. auch einen Grünen Blattwurm enthält, den ich in einem Video festgehalten habe:

 

Später hält Ferdi noch einen Vortrag über biologische Forschung in Schwerelosigkeit aus seiner Arbeitsgruppe, in der ich meine Bachelorarbeit gemacht habe. Neben Parabelflügen in der Mongolei geht es dort zur Zeit öfters zum Fallturm in Bremen. Darin werden Zellproben fallengelassen und an einem bestimmten Punkt mit einer abtötenden Flüssigkeit fixiert. Dann kann man die Genexpression zum Zeitpunkt der Schwerelosigkeit mit der normalen Genexpression vergleichen. Das wird einmal ganz wichtig, wenn die ersten Langzeit-Weltraummissionen anlaufen.

Gegen 23:00 Uhr verschlägt es mich ins Traumland.

Vielen Dank fürs Reinschauen!
Bald kommt der nächste Teil meines Reiseberichts!
(der vorherige Teil ist hier zu finden)

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