Was macht der Pflanzenschutzdienst, und warum?

Zuerst einmal: Welche Pflanzen sollen geschützt werden?

Zu einem gewissen Grad alle Pflanzen, aber im eigentlichen Sinne die Pflanzen, aus denen wir Menschen eine Art von Nutzen ziehen. Das sind einerseits die Kulturpflanzen von deren Erzeugnissen wir uns und unser Vieh ernähren oder die wir anbauen, um damit irgendwelche Dinge herzustellen. Zum Beispiel Holzliefernde Pflanzen (auf schlau: Baum) für Möbel, Hanf für… Seile, medizinische Zwecke; vielleicht auch bald (wieder) Löwenzahn für Gummi, oder Faserpflanzen für Kleidung, aber auch Zierpflanzen, mit denen wir aus irgendeinem seltsamen Grund, den uns vielleicht ein Laubenvogel erklären kann, unsere Umgebung schmücken. Eigentlich geht so oder so nichts im menschlichen Leben ohne Pflanzen. Klingt doch schützenswert!

Was für eine Art Schutz ist hier gemeint?

Pflanzenschutz kann man zum Beispiel nicht mit Tierschutz vergleichen. *Noch* läuft keiner herum und verhaftet Leute, die ihre Pflanzen nie mit Dünger füttern und nicht ausreichend gießen oder ihnen grundlos Teile abreißen.
Artenschutz im weiteren Sinne hat schon eher damit zu tun. Denn dieser befasst sich ja auch im invasiven Arten wie dem Waschbären, der die Bestände des Rotmilan bedroht, für den Deutschland nationale Verantwortung trägt. (Und in diesem speziellen Fall arbeiten Artenschutz und Tierschutz gegeneinander. Die einen handeln im Interesse des Rotmilans als Art und seinem Fortbestand in Deutschland und der Welt, die anderen handeln im Interesse des einzelnen Waschbären und seinem Recht auf Leben).
Pflanzenschutz ist vielschichtiger und sozusagen eigennütziger.
So sind Pflanzenschutzmittel (PSM) chemische und natürliche Stoffe (beides eigentlich irgendwie verarbeitet aus Ursprungsstoffen aus der Natur, denn Chemie ist Natur und Leben ist Chemie), die Pflanzen vor etwas schützen oder sie stärken (das ist dann die Unterkategorie „Pflanzenstärkungsmittel“). Ein Pflanzenschutzmittel kann auch als biologisch gelten, das sind dann z.B. Hyperparasitoide, sprich Parasiten der Lebewesen, die die Pflanze schädigen.
Pflanzenschaderreger können andere Pflanzen sein, die in Konkurrenz mit Wasser, Nährstoffen und Licht zur Kulturpflanze stehen. Oder es können tierische, pilzliche oder bakterielle Lebewesen oder Viren sein, die sich ebenfalls von Pflanzen ernähren wollen und damit unsere Konkurrenten sind.
Dementsprechend ist Pflanzenschutz Schutz des Menschen vor Nahrungskonkurrenz und Schutz des Menschen und seiner Umwelt vor Giften aus PSM-Anwendung oder Nicht-Anwendung. Pflanzenschutz beschränkt sich auch nicht darauf, was man für PSM anwendet, um die Schädlinge zu beseitigen oder welche Sorten man anbauen oder züchten sollte, um die Anwerndung von PSM zu minimieren.
Was Pflanzenschutz leisten soll, kann man schön zusammengestellt nachlesen im ersten Abschnitt des Gesetzes zum Schutz der Kulturpflanzen / Pflanzenschutzgesetzes (PflSchG):

Zweck dieses Gesetzes ist,
1. Pflanzen, insbesondere Kulturpflanzen, vor Schadorganismen und nichtparasitären Beeinträchtigungen zu schützen,
2. Pflanzenerzeugnisse vor Schadorganismen zu schützen,
3. Gefahren, die durch die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln oder durch andere Maßnahmen des Pflanzenschutzes, insbesondere für die Gesundheit von Mensch und Tier und für den Naturhaushalt, entstehen können, abzuwenden oder ihnen vorzubeugen,
4. Rechtsakte der Europäischen Gemeinschaft oder der Europäischen Union im Anwendungsbereich dieses Gesetzes durchzuführen.

Was ist die rechtliche Grundlage für und der Zweck des Pflanzenschutzdienstes?

Abschnitt 2 des PfSchG beschäftitgt sich damit, wie Pflanzenschutzmaßnahmen durchzuführen sind und zwar im Rahmen der „Guten fachlichen Praxis“, die durch wissenschaftliche Forschung unter dem Begriff „Integrierter Pflanzenschutz“ begründet ist. Diese gesetzliche Regelung fordert eine EU-Richtlinie von allen Mitgliedstaaten ein, damit innerhalb der EU Pflanzenschutz möglichst ungefährlich für Mensch und Umwelt betrieben wird.
Abschnitt 2 ist damit neben Abschnitt 11 der zentrale Punkt, der den Ausgangspunkt für den Pflanzenschutzdienst beschreibt. Denn im Rahmen der Integrierten Landwirtschaft ist es erst einmal wünschenswert, dass der Landwirt darin unterstützt wird, die Gefahren für seinen Pflanzenbestand zu erkennen und richtig einzuschätzen bevor er zu viele oder falsche Maßnahmen ergreift. Ich selbst arbeite in dem Fachbereich „Phytopathologie“ und dieser ist neben der Unterstützung von Land- und Forstwirtschaft sowie Gärtnereien im Bestimmen der Schadursachen dafür zuständig, dass der Einschleppung von Schadorganismen vorgebeugt wird. Und weil andere Länder sich auch nicht Schaderreger von uns einfangen wollen, müssen Pflanzenschutzdienste auch nach außen gewährlisten, dass solche nicht durch uns weiter verbreitet werden.
In diesen Aufgaben werden die Pflanzenschutzdienste vom Julius-Kühn-Institut angeleitet und unterstützt, und weil das verdammt spannend ist, für was das JKI alles zuständig ist, zitiere ich hier für euch noch einmal aus dem PflSchG:

§ 57 Julius Kühn-Institut
[…](2) Das Julius Kühn-Institut hat […] folgende Aufgaben:
1. die Unterrichtung und Beratung der Bundesregierung auf dem Gebiet des Pflanzenschutzes,
2. Forschung im Rahmen des Zweckes dieses Gesetzes, einschließlich bibliothekarischer und dokumentarischer Erfassung, Auswertung und Bereitstellung von Informationen,
3. Forschung
a) in den Bereichen Pflanzenbau, Grünlandwirtschaft und Pflanzenernährung und
b) im Bereich der Pflanzengenetik sowie Unterrichtung und Beratung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in allen Fragen, die zu den Aufgaben des Julius Kühn-Institutes nach den Buchstaben a und b gehören,
4. Risikoanalyse und -bewertung im Bereich der Ein- und Verschleppung von Schadorganismen sowie Mitwirkung bei der Erarbeitung nationaler und internationaler Normen auf dem Gebiet der Pflanzengesundheit,
5. Mitwirkung an und Begleitung von Programmen und Maßnahmen, einschließlich der Überwachung, der Länder und der Europäischen Gemeinschaft oder der Europäischen Union zur Verhinderung der Ein- und Verschleppung von Schadorganismen sowie der Mitwirkung bei der Diagnose von Schadorganismen und der Wahrnehmung von Referenzfunktionen,
6. Mitwirkung beim Schließen von Bekämpfungslücken einschließlich Mitwirkung bei der Erstellung der Liste der geringfügigen Anwendungen sowie der Beurteilung des öffentlichen Interesses […] Mitwirkung bei der Überwachung des Inverkehrbringens und der Verwendung von Pflanzenschutzgeräten sowie von Geräten, die im Pflanzenschutz verwendet werden, aber keine Pflanzenschutzgeräte sind,
8. Prüfung und Entwicklung von Verfahren des Pflanzenschutzes einschließlich des Resistenzmanagements für Pflanzenschutzmittel,
9. Prüfung der Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Nutzarthropoden, Bodenmakro- und Bodenmikroorganismen zur Bewertung des Nutzens von Pflanzenschutzmitteln,
10. die Prüfung von Pflanzen auf ihre Widerstandsfähigkeit gegen Schadorganismen,
11. die Untersuchung von Bienen auf Schäden durch Pflanzenschutzmittel.
[…](4) Das Julius Kühn-Institut macht die nach Artikel X des Internationalen Pflanzenschutzübereinkommens verabschiedeten Standards bekannt.

Im Besonderen regelt dann §59 des Abschnitt 11 was der Pflanzenschutzdienst tun soll und kann:

[…]
(2) Als Pflanzenschutzdienst haben die zuständigen Behörden insbesondere folgende Aufgaben:
1. die Überwachung der Pflanzenbestände sowie der Vorräte von Pflanzen und Pflanzenerzeugnissen auf das Auftreten von Schadorganismen
2. die Überwachung des Beförderns, des Inverkehrbringens, des Lagerns, der Einfuhr, des innergemeinschaftlichen Verbringens und der Ausfuhr von Pflanzen, Pflanzenerzeugnissen und Kultursubstraten im Rahmen des Pflanzenschutzes sowie die Ausstellung der für diese Tätigkeiten erforderlichen Bescheinigungen,
3. die Beratung, Aufklärung und Schulung auf dem Gebiet des Pflanzenschutzes, insbesondere der guten fachlichen Praxis einschließlich des integrierten Pflanzenschutzes, auch mit Ausrichtung auf eine Verminderung der Risiken, die durch die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln für Mensch, Tier und Naturhaushalt entstehen können, und Ausrichtung auf die Umsetzung des Aktionsplanes nach § 4 einschließlich der Durchführung des Warndienstes auch unter Verwendung eigener Untersuchungen und Versuche,
4. die Prüfung von Pflanzenschutzmitteln, Pflanzenschutzgeräten, Verfahren des Pflanzenschutzes, der Resistenz von Pflanzenarten sowie die Mitwirkung beim Schließen von Bekämpfungslücken,
5. die Durchführung der für die Aufgaben nach den Nummern 1 bis 4 erforderlichen Untersuchungen und Versuche,
6. die Berichterstattung über das Auftreten und die Verbreitung von Schadorganismen, über die Überwachung nach Nummer 8 sowie die zur Umsetzung des Aktionsplanes nach § 4 getroffenen Maßnahmen,
7. die Genehmigung der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit Luftfahrzeugen,
8. die Überwachung des Inverkehrbringens, des innergemeinschaftlichen Verbringens sowie des Verbringens im Inland und der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, Pflanzenstärkungsmitteln und Zusatzstoffen.
(3) Die Landesregierungen werden ermächtigt, die Durchführung von Untersuchungen auf Befall mit einem Schadorganismus auf Einrichtungen zu übertragen, wenn diese die Voraussetzungen einer nach § 7 Absatz 1 Satz 2 Nummer 2 Buchstabe h erlassenen Rechtsverordnung erfüllen.

Wie das im Einzelnen wiederum abläuft, ist in der Pflanzenbeschauverordnung (PBVO) geregelt, wo besonders die Zusammenarbeit der amtlichen Organe mit den Handelnden festgeschrieben ist.
So ist der Erzeuger oder Importeur von Pflanzenmaterial hier mit in der Verantwortung und muss die zuständigen Behörden informieren, wenn er mit einem Befall konfrontiert ist und muss auch unangeforderte Kontrollen über sich ergehen lassen und im Falle von Im- oder Export gewährleisten, dass die Kontrolle in angemessener Weise durchgeführt werden kann.
Pflanzenmaterial, welches innerhalb der EU oder in Drittstaaten verbracht werden soll, muss außerdem eine Pflanzengesundheitsbescheinigung oder ein Pflanzenpass ausgestellt werden.
In allen Fällen müssen Proben gezogen und/oder an den Pflanzenschutzdienst zugestellt werden, damit dieser die Art des Befalls beziehungsweise die Freiheit von Befall feststellen kann.
Und im Falle der Feststellung eines Befalls von gefährlichen Schaderregern muss der Besitzer der befallenen Waren oder Fläche erdulden, dass selbige vernichtet bzw. entseucht bzw. gerodet wird. Um den Befallsherd herum wird ferner eine Befallszone und eine Pufferzone gezogen, in der, bis der Befall und die Verbreitung nicht mehr nachweisbar sind, regelmäßig Kontrollen und Probenahmen durchgeführt werden müssen. Darin dürfen dann auch keine Waren mehr nach außen verbracht werden – zumindest nicht ohne Genehmigung durch einen gültigen, aktuellen Pflanzenpass, der eine Befallsfreiheit bescheinigt.

Vor was müssen Pflanzen denn geschützt werden?

Welche Pflanzen oder Pflanzenerzeugnisse geschützt werden müssen oder vor was sie geschützt werden müssen und wann ihre Verbringung nicht mehr gestattet ist, wurde mit der EU Richtlinie 2000/29/EG für alle Mitgliedsstaaten festgelegt. In der PBVO und der Verordnung über das Inverkehrbringen von Anbaumaterial von Gemüse-, Obst-, und Zierpflanzenarten (AGOZ) wurden diese Richtlinie dann in deutsches Recht umgesetzt und die relevanten Pflanzen- und Erregerarten herausgepickt. Und darüber hinaus gibt es noch die etwas übersichtlichere Europäische und Mediterrane Pflanzenschutz-Organisation (EPPO).
Ihre Aufgabe ist die Unterstützung der Kooperation der Pflanzenschutzdienste der europäischen Pflanzenschutzdienste auf Basis der Internationalen Pflanzenschutz-Konvention (IPPC).
Die EPPO gibt z.B. regelmäßig eine Art Magazin heraus, in der über neue Schaderregern aufgeklärt wird oder neue Methoden zur Diagnostik von Schaderregern vorgestellt werden. Letzteres wird vor Herausgabe besonders auf Reproduzierbarkeit geprüft, damit die nationalen Pflanzenschutzdienste vergleichbare Ergebnisse liefern können. Außerdem erhält man über ihre Webseite Informationen über eine ganze Horde von potentiell gefährlichen Organismen, eingeteilt in die Kategorien A1 (Erreger, deren Vorkommen in der EPPO-Region noch nicht bekannt ist) und A2 (Erreger, die bereits in der EPPO-Region vorkommen).

Das JKI auf nationaler Ebene und die EPPO auf europäischer Ebene sind dann auch diejenigen Organe, die bei Auftreten von Schaderregern (hier oder in anderen Ländern auf auch hier relevanten Pflanzenkulturen), die bisher noch in den deutschen oder den europäischen Listen nicht auftauchen, Forschung und Risikoanalysen anstellen und sich geeignete Maßnahmen überlegen, um Erst- oder erneute Einschleppung zu verhindern oder Ausbreitung nach Einschleppung zu verhindern.

Hab ich nun alle Klarheiten beseitigt, wozu Pflanzenschutzdienste gut sind?

Dann hier noch ein paar abschließende Beispiele aus der Realität, was passiert, wenn ein schädlicher Organismus entdeckt wird:

Der Asiatische Laubholzbock in München 2015

Das Feuerbakterium seit 2013 in Italien, Apulien

Der Kiefernholznematode in Portugal

Der Kartoffelzystennematode im Emsland

Der Kartoffelkrebs, auch im Emsland

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